Wenn Kompetenz nicht vor Selbstzweifeln schützt
Du analysierst alles – und kommst trotzdem nicht voran. Du bist kompetent, reflektiert und leistungsfähig, zweifelst aber immer wieder an dir. Du hast großartige Ideen, aber wenn es darum geht, sie umzusetzen, türmen sich scheinbar unüberwindbare Hürden vor dir auf. Du bekommst gutes Feedback, doch du hast das Gefühl, das waren nur Zufallstreffer.
Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass du zu wenig kannst oder nicht diszipliniert genug bist, sondern dass dein Verstand zu viel gleichzeitig tut. Und dass deine Ansprüche an dich selbst so hoch sind, dass du unter deinen eigenen Augen keine Gnade findest.
„Ich bin einfach zu doof. Andere nehmen sich etwas vor und setzen es dann direkt um. Nur ich krieg es nicht gebacken.“ „Ich mache einen Plan, mache noch einen Plan und verwerfe anschließend beide. Es macht mich wahnsinnig!“ „Ich hatte eine perfekte Präsentation ausgearbeitet und einen Tag vor dem Vortrag hab ich alles über den Haufen geschmissen.“ Diese Aussagen von Coachingkundinnen höre ich in der einen oder anderen Form immer wieder.
Das eigentliche Problem ist oft nicht mangelnde Disziplin
Meine Kundinnen werfen sich selber vor, nicht effizient zu sein. Sie verstehen nicht, warum ihre anfängliche Motivation oft plötzlich in sich zusammenfällt. Sie bekommen Angstzustände, weil sie sich absolut sicher sind, den Ansprüchen anderer nicht zu genügen. Sie schmeißen hin, obwohl sie schon kurz vorm Ziel sind.
Vielleicht gehörst du auch zu denen, die schnell und vernetzt denken, vieles wahrnehmen, komplexe Zusammenhänge erkennen und intensiv fühlen.
Wenn ein kluger Verstand unter Stress gegen dich arbeitet
Du hast einen wachen, vernetzt denkenden Geist. Du analysierst schnell, erkennst komplexe Zusammenhänge und denkst mögliche Probleme voraus. Genau das ist deine Stärke – bis dieses System unter Stress kippt und du in die Überforderung gerätst.
Dann blockierst du dich selbst: Zu viele Gedanken lösen zu viele Gefühle aus. Du kannst nicht mehr differenzieren, nicht mehr relativieren, alles wird zu einem einzigen unangenehmen Etwas. Dein System will dich schützen und tritt auf die Bremse. Und du hast dir einmal mehr bewiesen, dass du es nicht oder nicht schnell genug oder nicht gut genug hinbekommst.
Warum Selbstsabotage in Wahrheit ein Schutzmechanismus ist
Die Psychologin Jeanne Siaud-Facchin beschreibt in ihrem Buch „Zu intelligent, um glücklich zu sein“, wie ein überaktives Denksystem solche Selbstsabotagemuster begünstigen kann.
Eine ihrer Kernthesen lautet: Intelligente Frauen sabotieren sich nicht, weil sie schwach sind, undiszipliniert oder nicht kreativ genug. Sie blockieren sich, weil ihr Verstand versucht, sie vor Fehlern, Ablehnung und Unsicherheit zu schützen. Und weil dieser Verstand so verdammt gut arbeitet, erledigt er diese Aufgabe eben auch extrem gut. Häufig verstärkt sich das überaktive Denken bei Frauen auch noch durch (vermutete) soziale Erwartungen und inneren Anpassungsdruck.
Typische Muster intelligenter Selbstsabotage
So entsteht eine Mischung aus:
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einem überhöhten Anspruch an sich selbst („Wenn ich es schon mache, dann auch richtig.“), der in Überforderung und Aufschieben mündet
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endlosen Grübelschleifen und Durchdenken statt Entscheidungsfreude
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Blindheit für die eigenen Fähigkeiten und ständigen Selbstzweifeln
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dem Bedürfnis, nicht negativ aufzufallen und sich deshalb übermäßig anzupassen oder herunterzudrosseln
Viele der beschriebenen Muster treten zwar grundsätzlich bei allen Geschlechtern auf, zeigen sich bei Frauen jedoch oft in besonderer Form, weil sie gesellschaftlich häufiger dazu sozialisiert werden, leistungsfähig, angepasst, verantwortungsbewusst und emotional kontrolliert zu sein. Dadurch verbindet sich bei ihnen hohe Intelligenz nicht selten mit starkem Perfektionsdruck, People Pleasing und der Tendenz, eigene Bedürfnisse oder Ambitionen eher zu hinterfragen als offensiv zu vertreten.
Warum mehr Anstrengung das Problem oft verschlimmert
Und so sind sie auch mit sich selbst oft sehr streng: „Du musst es nur wirklich wollen, dann klappt es auch!“ Aber genau das funktioniert eben nicht. Wer bereits zu viel denkt, profitiert selten davon, noch härter an sich zu arbeiten, sich noch mehr anzustrengen. Es erzeugt nur noch mehr Druck und das Sabotage-Muster geht einfach von vorne los.
Das quälende Gefühl, erfolglos zu sein und es nicht besser hinzubekommen, verstärkt die Selbstabwertung. Und so hörst du vielleicht irgendwann ganz auf, dir Ziele zu setzen, da du nicht mehr erleben willst, dass du sie doch nicht erreichst.
Die Lösung liegt jedoch – wie meistens – nicht darin, mehr vom selben zu tun!
Was stattdessen hilft: Deinen Verstand führen statt bekämpfen
Um Selbstsabotage aufzudecken und zu verändern, ist der erste Schritt, zu lernen, den eigenen Geist und das eigene Denken bewusster zu führen. Statt gegen deinen Verstand zu kämpfen, gehst du dazu über, mit ihm zu arbeiten. Du führst ihn klar und mitfühlend – so, wie du auch selbst gern geführt werden möchtest.
Was dabei hilft, ist ein Musterbruch oder Musterwechsel. Zuerst musst du allerdings überhaupt erstmal bemerken, dass du in einer Blockade festhängst. Regelmäßiges Schreiben ist dafür perfekt geeignet. Indem du deine Gedanken in Worte fasst und schriftlich formulierst, beginnst du schon, dich von ihnen zu lösen. So gelangst du aus dem reinen Denken in eine Beziehung zu deinem Denken. Du bist nicht mehr nur die Gedanken selbst – du bist zugleich auch diejenige, die sie wahrnimmt, sortiert und führt.
Wenn dein Verstand dich blockiert, brauchst du keine härtere Selbstdisziplin – sondern Werkzeuge zur Regulation und Reorientierung.
Fazit
Vielleicht sabotierst du dich nicht, weil du undiszipliniert bist. Vielleicht sabotierst du dich, weil dein Verstand manchmal zu wach, zu schnell und zu aufmerksam ist – und dich mit aller Kraft vor Fehlern, Ablehnung und Überforderung schützen will.
Die gute Nachricht ist: Du musst dich selbst nicht „in den Griff bekommen“.
Was du lernen darfst, ist, deinen intensiven Geist bewusst zu führen – statt dich von ihm führen zu lassen.
Denn Selbstsabotage endet dort, wo du verstehst, was wirklich in dir passiert und was du wirklich brauchst, um etwas zu verändern.
Hier stelle ich dir als Fortsetzung zu diesem Artikel drei Methoden für einen Musterwechsel vor, die du nach dem Schreiben (oder natürlich auch ohne vorheriges Schreiben) ausprobieren kannst, um aus mentaler Übersteuerung herauszukommen, wieder Klarheit zu finden und ins Handeln zu kommen.
Wenn du dich darin erkennst und lernen möchtest, wie du deinen Verstand bewusst führst statt dich von ihm blockieren zu lassen:
In meinem Coaching arbeiten wir nicht an mehr Disziplin – sondern an mentaler Selbstführung.